Ein entspanntes Wochenende

Ich hatte am letzten Wochenende ja schon gut vorgearbeitet. An 2 Tagen 120 Seemeilen. Das lange Fronleichnamswochenende sollte nun etwas entspannter werden. Ca. 80 Seemeilen an 4 Tagen von Lauwersoog über Borkum, Juist und Norderney nach Norddeich.

Also ging es am Mittwochabend gemeinsam mit Annette mit dem Wagen noch Holland. Leider musste sie am nächsten Morgen die Rückreise antreten, da in der Altenpflege auch am Wochenende gearbeitet werden muss. Bevor es für mich dann auch in Richtung Borkum losgehen sollte, wollte ich noch eine Reparatur an meiner Wasserversorgung durchführen. Zeit hatte ich genug, denn ich wollte ohnehin noch auf ablaufendes Wasser warten, um zügig zurück auf die Nordsee zu kommen.

Mein Boot ist nun 27 Jahre alt. Und ich denke, die alten Wasserschläuche werden nicht viel jüngeren Datums gewesen sein. Diese wollte ich nun durch neue austauschen. Ich hatte mich lange davor gedrückt, muss man doch in recht unzugänglichen Ecken auf dem Boot werkeln, um an die Anschlüsse heranzukommen. Aber nach rund 3 Stunden war alles erledigt und nun schmeckt der Kaffee umso besser :-).

Frisch geduscht und mit frischem Wasser in Tank und Leitungen ging es dann durch die Seeschleuse am Lauwersmeer wieder ins salzige Wasser, in dem LuMMEL nun auch einige Wochen bleiben wird. Das Wetter versprach eine schwüle Wärme und Wind aus NO der Stärke 3 bis 4. Also wieder nicht optimal (es geht ja Richtung Osten), aber durchaus machbar. Aufgrund des schwülen Wetters hatte ich regelmäßig den „Buienradar“ im Auge. Eine niederländische App, die die Zugrichtung und Stärke von Gewittern und Niederschlägen prognostiziert. Aber auch ohne diese elektronische Unterstützung wurde mir bei einem Blick auf den Horizont klar, dass ich wohl nicht ungeschoren davonkommen würde. Und so war es dann auch.

Zunächst sah und hörte man noch in einiger Entfernung das Blitzen und Grollen der Gewitterfront, bis Sie dann auch bald da war. Wind kam auf (glücklicherweise kein Sturm) und es begann zu regnen. Die Einschläge kamen näher und was auch näherkam, war eine Wetter- und Tiden-Messstation nördlich von Simonszand, einer unbewohnten Sandinsel östlich von Schiermonnikoog.

Ein gelber Pylon, der deutlich höher war als mein Mast. Diese Gelegenheit nahm ich war um mich in seiner Nähe aufzuhalten, denn haben wir nicht schon als Kinder gelernt, dass Blitze sich immer das höchste Objekt zur Energieentladung in der unmittelbaren Umgebung aussuchen? Eine Stunde dümpelte ich also um meinen neuen Freund herum bis die Front durchgezogen war. Ob es was genutzt hat? Den Beweis dafür möchte ich gar nicht antreten…
Als die Front dann durch war setzte ich meine Fahrt Richtung Borkum durch das Seegat Horsborngat, quer durch die Emsmündung und in die Fischerbalje, der Zufahrt zum Hafen von Borkum, fort.

Es fing schon an dunkel zu werden, als ich nach 40 Seemeilen in „Port Henry“ auf Borkum festmachte.

Port Henry, ein vielversprechender Name für einen Yachthafen. Aber aus Erzählungen wüsste ich schon, dass Port Henry einer der Häfen ist, in denen nichts in die Erhaltung investiert wird.

Marode und verrostete Stege sowie Elektroinstallationen bei den man Sorge haben muss, dass der nächste Regen die Stromversorgung außer Betrieb setzt. Aber ein wirklich netter Hafenmeister. Er hat mir immerhin einen Euro meines Liegegeldes von 16€ erlassen, da ich nichts Bares mehr hatte. Irgendwie bin ich noch im NL-Modus gewesen. Bei unseren Nachbarn kann man an jeder Ecke mit Plastik bezahlen, sodass man tagelang kein Bargeld zu Gesicht bekommt.

Meine nächsten beiden Etappen nach Juist und Norderney waren herrliches (leider auch jeweils sehr kurzes) Wattsegeln mit Robben-Watching bei moderaten Winden und herrlichem Sonnenschein.

 

So hatte ich noch genügend Zeit eine wenig über die Inseln zu bummeln. Auf Juist war ich nun zum zweiten Mal und war wieder ganz angetan. Eine wirklich sehr gemütliche Insel ohne Autoverkehr, Transporte erfolgen hier weitestgehend mit Pferdefuhrwerken und Handkarren.

 

Den Abend auf Juist habe ich mir mit dem Besuch eines Vortags zu den großen Sturmfluten der Nordseeküste im Haus des Gastes verkürzt. Ein Abriss der vergangenen Jahrhunderte von der ersten Marcellusflut im 13. Jahrhundert, der Petriflut 1657 (sie teile Juist zeitweise in 2 Teile, in der Lücke ist heute der Hammersee) über die Weihnachtsflut 1717 bis zur heute wohl bekanntesten Sturmflut 1962, die besonders Hamburg getroffen hatte und bei der sich der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Namen als Krisen-koordinator in seiner Funktion als Innensenator von Hamburg machte. Und jede große Flut hat neben dem Unheil für die Menschen und Tiere an der Küste auch für immer neue Topographien der Inseln und Küstenabschnitte gesorgt. Ein interessanter Abend, wenn auch die Vortragsart des sicher 75jährigen Moderators in Zeiten von Multimedia und YouTube ein wenig antiquiert wirkte. Der Dia-Abend lässt grüßen… 🙂

Ganz anders Norderney. Schon die Bebauung ist nicht zu vergleichen. Hier sind an der Promenade schon einige Bausünden aus den 70er Jahren zu entdecken, die Seglern natürlich wunderbar als Landmarken dienen können. Ein wenig hektischer und auch ein anders Publikum, so fiel es mir jedenfalls auf. So viele Familien mit Kindern wie ich sie auf Juist gesehen habe, konnte ich auf Norderney nicht entdecken. Allerdings einige Kegelreisenden… Aber auch Norderney ist sicher einen Urlaub wert und eine sehr schöne Insel, wenn ich auch Juist als Ziel vorziehen würde.

Die letzten 7 Seemeilen zu meiner „final Destination“ für das Wochenende
– Norddeich – habe dann mehr treibend zurückgelegt. Wenig Wind, dafür aber eine mitlaufende Strömung ließen mich gegen 15 Uhr sicher und entschleunigt im Hafen des Yacht-Club-Norden ankommen. Groß-Reinemachen, Essen kochen, ein Bierchen trinken, diesen Bericht schreiben und schon war auch diese Etappe wieder Geschichte. Es ging dann auch recht früh in die Koje, denn mit dem ersten Zug von Norddeich Mole sollte es Montagmorgen (kurz nach Sonnenaufganag :-)) direkt von Boot auf eine Dienstreise nach Berlin gehen. Ein Novum in meinem Berufs- und Seglerleben: mit Hemd, Sakko und Lederschuhen von Bord!

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8 Gedanken zu “Ein entspanntes Wochenende

  1. Horst

    Hallo Rainer,
    Deinen Blog zu lesen finde ich sehr inspirierend.
    Danke dafür!
    Dein Boot musstest Du ja in Norddeich
    und Lauwersoog längere Zeit alleine lassen.
    Hast Du das in den Häfen vorher angemeldet
    und einen Platz reserviert, oder funktioniert so was
    auch spontan ?

    Liebe Grüße
    Horst

    1. Hallo Horst, sorry für die späte Antwort… Ja, ich habe mich in den Häfen immer vorher angemeldet, damit ich auch sicher sein konnte, dass Platz für mich ist! Viele Grüße, Rainer

  2. Pingback: Nachtfahrt und ein Besuch auf Juist – SY LuMMEL

  3. Dirk

    Mit Hemd, Sakko und Lederschuhen habe ich dich dann nachmittags in der Berliner Geschäftsstelle begrüßen dürfen ohne von den genauen Erlebnissen des Wochenendes zu wissen. Aber dass du auf See gewesen bist, hattest du ja angekündigt. Wir hatten aber auch so genug „zu quatschen“.
    Na dann wünsche ich euch mal einen schönen Sommer in der nördlichen Nordsee!

  4. Hallo Rainer, bist also auch wieder unterwegs. Ich bin noch zu Hause, werde aber nächste Woche in See stechen. Wieder westwärts von Hooksiel aus. Vielleicht sieht man sich. Gruß Heinz

    1. Moin Heinz, geht es wieder in den Kanal? Ich bin mit Annette ab 22,6, von Norddeich unterwegs. Richtung Helgoland oder direkt nach Sylt. Gruß Rainer

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